Meine Mutter hasste mich ihr ganzes Leben - doch ich pflegte sie bis zum Tod

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Ihre Kindheit ist geprägt von Missachtung und Gewalt. Nie wieder Kontakt, denkt sie sich, als sie auszieht. Doch dann liegt die Mutter im Sterben. Die Geschichte einer Versöhnung im allerletzten Moment.

38 bin ich damals. Ungefähr ein halbes Jahr hätte sie noch, Mutter, sagen die Ärzte. ALS, eine heimtückische Krankheit. Nach und nach versagen Nerven und Muskeln. Zuletzt: die Atmung. Da sitzen wir, die drei Geschwister. Vater: schon eine ganze Weile tot. Was tun? Mein Bruder, meine Schwester: beruflich eingebunden. Ich selbst: drei Kinder, das Kleinste gerade neun. Aber auch abgesehen davon wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, mich zu fragen. Nach über zehn Jahren Funkstille.

„Sie kommt zu uns,“ höre ich mich reden. Und irgendetwas tief drinnen weiß wohl schon da, dass ich es nicht nur für sie tue. Sondern auch, vielleicht sogar vor allem: für mich.

Ich bin zehn, als meine Oma mich zu sich herzieht. „Du bist jetzt alt genug“, sagt sie. Sie müsse mir etwas Trauriges sagen. Endlich. Kindern kann man nichts vormachen. Man merkt so was - wenn man sich an den Wochenenden, daheim, fühlt wie auf Besuch. Wenn die Oma, die einen unter der Woche hat, eigentlich die Mutter ist. Da läuft was falsch, weiß man. Aber man kann es nicht benennen. Man kennt es ja nicht anders.
Spannend, aber gerade keine Zeit?

Zehn Jahre... eine lange Zeit. „Warum wohne ich eigentlich bei Dir?“, immer wieder hatte ich die Omi in letzter Zeit gelöchert. Mit zehn ist man nicht mehr klein. Die Fragen werden mutiger. Immer wieder war sie ausgewichen.
Mit einem Mal verstand ich die Kälte meiner Mutter

„Deine Mama hatte sich so auf dich gefreut“, sagt sie jetzt. Und dass der Papa, ihr Sohn, schon eine Spieleisenbahn gekauft gehabt hätte. „Im September bist du geboren, an Weihnachten sollte es soweit sein...“. Sie hält inne. „Weißt du, es gab noch kein Ultraschall damals....“ Noch heute höre ich Omas Stimme dünn werden. Und noch heute fühle ich den Kloß in meinem Hals.

Mit einem Mal verstand ich. Die Kälte mir gegenüber. Ein Mädchen... Von Vätern wusste ich, dass sie zuweilen so reagieren. Aber über die Mütter spricht keiner. Über ihre Scham, das Gefühl des Versagens, dem Mann gegenüber. „Die Eisenbahn blieb im Karton“, sagte die Oma. Und heute denke ich mir, noch etwas anderes wurde damals weggepackt. Mutterliebe.

Ich bin fünf... diffuse Erinnerungen vermischen sich mit Erzähltem. Ich sehe mich im Dunkeln liegen und weinen. Nacht für Nacht sei das so gewesen, hat die Oma später gemeint. Fünf Jahre hatten wir alle zusammen in einem Haus gewohnt: Mama, Papa, Oma, Opa und ich. Mama arbeitete als Näherin, Papa in einer Fabrik. Zu wenig Geld für eine erschwingliche Wohnung. Fotos zeigen dennoch ein glückliches Kind. Ich spiele im Garten, klettere auf Bäume, hänge mir Kirschen an die Ohren.

Sechs Kinder hat die Oma von ihrem ersten Mann, nach dessen Tod hat sie wieder geheiratet, wurde aber nicht schwanger. „Du bist mein Siebtes“, sagt sie oft. Und genau so fühlt es sich an.

Und dann gibt noch andere Fotos. Vom Wochenende, mit der Mama, dem Papa, gestellte Szenen. Zur Schau gestelltes Glück. Im wirklichen Leben: Eltern, die funktionieren. Organisieren. Sich um sich selbst drehen. Das Kind: im Weg. „Aber es lag Hoffnung in der Luft“, so hat es die Oma beschrieben. Bald weniger Stress. Mehr Geld. Bald eine richtige Familie: Mama, Papa Kind. Ich hab mich gefreut, auf mein eigenes Zimmer. Auf geregelte Verhältnisse. Die Wohnung: einen Block weiter. Kisten packen. Zukunft malen.
Nie hätte ich zugegeben, wie einsam ich war

„Habt ihr nicht was vergessen?“ – diese Worte von Oma erinnere ich noch. Im Flur auf der Bank saß ich. Erwartungsfroh. „Nein haben wir nicht.“ „Seid ihr sicher?“ „Ja.“ Einfach gegangen sind sie.

Um die zehn muss ich gewesen sein, als meine Oma mir noch etwas anderes erzählt hat. „Deine Mutter hat als Kind ihre Eltern verloren. Die Mama mit drei, den Papa mit vier.“ Zu Pflegeeltern sei sie gekommen. „So was ist schlimm.“ Mag sein, gefühlsmäßig aber kann ich das damals nicht fassen. Es ist ewig her und es betrifft mich nicht. Denke ich. Dreißig Jahre später werde ich es anders sehen.

Ich bin zwölf, mein Inneres ist in Aufruhr. „Warum gehst du eigentlich immer zu deiner Oma nach der Schule?“ werde ich gefragt. Ich fange an zu konstruieren. Nehme meine Mutter in Schutz, sage, dass sie arbeiten muss, es kaum erwarten kann, mich an den Wochenenden zu sehen. Ich bekomme viele Geschenke. Damit das Gewissen ruhig ist, so sehe ich es heute. Vor allem Puppen mag ich damals. Keine meiner Freundinnen hat so viele.

„Schau mal, was ich bekommen habe.“ Dabei will ich eigentlich was anderes sagen. Seht, so lieb haben meine Eltern mich. Nie hätte ich zugegeben, wie einsam ich war. Wie ich oft ich das an den Wochenenden hören musste: „beschäftige dich.“
„So eine Mama hätte ich auch gerne“

Ebenfalls zwölf bin ich auf diesem Foto mit ihr. Flotte Mutter, hübsches Kind. Immer wieder gab es das: anerkennende Blicke, von Nachbarn, Bekannten. Man genießt das. Wir zwei, wie Freundinnen. Und man hasst es. Will lieber echte Gefühle statt Scheinheiligkeiten. Spielt aber trotzdem mit. Fassaden haben Schutzfunktion.

Vor allem die Kindergeburtstage sind ein Fest. Bunte Torten, tolles Programm. „So eine Mama hätte ich auch gerne“, heißt es oft. Sie trägt Miniröcke, hört Rockmusik. Was hätte ich für breite Hüften und Schlabberhosen gegeben! Für eine Mama, die herzt und küsst! Was hätte ich dafür gegeben, wenn ich das früher erkannt hätte: wie krank, wie frustriert sie war. Statt mich andauernd zu fragen: was muss ich anders machen?

13 bin ich und alles scheint gut zu werden. Mama hat noch mal ein Baby bekommen. Einen Jungen. Sie lächelt, als ich sie im Krankenhaus besuche. Sagt, sie hätte eine Überraschung. „Wir werden uns jetzt anders organisieren, als Familie. Wir wollen, dass du kommst. Für immer.“ Wieder der Gedanke, sich vielleicht doch alles eingebildet zu haben. War sie nicht immer gut gewesen? Die Oma ist skeptisch. Und traurig. Ich tröste sie. „Ich bin doch nicht weg. Jetzt machen wir es andersrum. Ich komme Dich besuchen.“

Die Jahre zwischen 13 und 18 sind die schlimmsten. Anfangs ist da nur dieses merkwürdige Gefühl. Unwohlsein. Vor allem nach den Wochenenden. Bei der Oma: Kachelofenwärme, selbst gebackener Kuchen.

Daheim: Nur das Notwendigste. Schnelles Essen, früh zu Bett. Einmal sind Mutter und Vater länger weg als gedacht und ich mit dem Baby allein. Es schreit. Die Nerven liegen blank. Bis ich die Packung finde und alles nach Anleitung mache: Wasser kochen, Pulver abmessen. Die Temperatur der Milch teste ich auf dem Handrücken.
Meine Mutter nannte mich „Missgeburt“

Als Mama heimkommt, werde ich zum ersten Mal in meinem Leben von ihr gelobt. Ich strahle. Denke wieder: sie ist ja gar nicht so. Dabei hat sie nur erkannt, wie sie mich einsetzen kann.

Ich füttere, wickele, wiege in den Schlaf fortan. Zwei Jahre später bekomme ich eine Schwester. Ganze Nachmittage lang bin ich mit zwei Kleinkindern unterwegs. Ich gebe mein Bestes und mache es doch nie richtig. „Missgeburt“ nennt Mutter mich. Der Lehrerin fallen die blauen Flecken auf. Ich erfinde Ausreden. Immer wieder. Sämtliche Kochlöffel sind an mir kaputtgegangen.

Ich mag nicht mehr, ich will tot sein

Nur eine kurze Phase ist frei von Gewalt. Wirkt Mama weniger frustriert. Ihr Arbeitskollege, ein „Onkel“, kommt jetzt oft. Dann schickt sie mich mit den Kleinen raus. Bis die Oma mich bei strömendem Regen auf dem Friedhof sieht. Dem Papa Bescheid sagt. In flagranti erwischt er die zwei. Danach gibt es Schläge wie nie. Ich mag nicht mehr, kann nicht mehr. Will tot sein. 

18 bin ich, seit zwei Wochen volljährig. Ich stehe vor ihr. Schreie sie an: „Wenn du das noch einmal machst, schlage ich zurück.“ Irgendwas muss Klick gemacht haben bei ihr. Sie hat mich nie wieder angefasst. Im Griff hat sie mich trotzdem. Eine Ausbildung? „Wie brauchen dich hier, die Familie geht vor.“

Nur heimlich treffe ich mich mit Jungs, aus Angst, sonst eine „Schlampe“ zu sein. Dass ich nur bis neun wegbleiben darf, akzeptiere ich. Komme ich zehn Minuten später, ist die Tür abgeschlossen. Die Klingel abgestellt. Nächte im Treppenhaus. Wieso lässt sich eine junge Frau so was gefallen? Ungeliebte Kinder geben nicht auf zu Hoffen. Mutter, Vater, Kind. Nur die ganz große Liebe hat eine Chance. Aber das weiß ich damals noch nicht.
Das Ende einer Kindheit, die keine war

19 bin ich und in diesem Spielcasino zu sein fühlt sich an wie eine Sünde. Giovanni hat dunkle Locken, ein Gesicht wie gemalt. Wir trinken Cola, essen Gulaschsuppe. Italiener ist er. Ich muss grinsen. Denke an die beiden Jungs, mit denen es hätte was werden können, hätte Mama nicht vor dem Tanzlokal gestanden, mich am Arm gepackt, mich eine „Nutte“ genannt.

Ich denke an meine Worte, als es zum zweiten Mal passiert, „den dritten heirate ich“, sage ich, „und wenn’s ein Ausländer ist.“ Ich weiß, wie sehr es sie treffen wird, wie wenig das in ihr kleinbürgerliches Stammtischbild passt.

Trotzdem. Giovanni wohnt in einer WG. Ich bleibe über Nacht. Traue mich danach das ganze Wochenende nicht heim. Als ich mich schließlich überwinde, werde ich vor die Wahl gestellt: „Lass die Kanacke sausen, dann kannst du wieder kommen.“ Von wegen. Ich packe zwei Taschen, ziehe zu ihm. Das Ende einer Kindheit, die keine war.
Meine Gefühle fahren Karussell

39 bin ich und es ist wie Ankommen. Meine Mutter hat sich am Schrank hochgezogen. Ihre Arme schlingen sich um meinen Hals. Sie wirkt unbeholfen, wie ein Kind. Diese knochige, kaum noch 40 Kilo schwere Frau. Meine Gefühle fahren Karussell. Ist es Mitleid? Erleichterung? Schmerz? Egal. Schon jetzt weiß ich: Dieser Moment wird mich stark machen, für mein ganzes weiteres Leben.

Ich bin 21 und schwanger. Chance für einen Neubeginn nach zwei Jahren ohne Kontakt? Ich solle doch wiederkommen, hatte sie mich angefleht. Ihn wenigstens mal vorstellen. Es gab Kaffee, Kuchen, Harmonie, nach außen hin. Kurz darauf haben wir geheiratet, Giovanni und ich. 50 Gäste waren geladen, zwölf kamen.

Meine Mutter hatte im Hintergrund gewirkt: „Der ist noch in Italien verheiratet, hat drei Kinder dort.“ Ohne Worte. Aber: ein Kind bekommen, das ist mehr als heiraten. Sie kommt noch in den Kreissaal. Holt das Baby aus dem Bettchen, hält es an ihre Wange, „mein Enkelkind.“ Du Schlange, denke ich. Ich durfte nicht dein Kind sein. Wieso ist meine Tochter dann dein Enkelkind?

Aber ein anderer Teil, natürlich, der freut sich. Vieles schlucke ich runter während der kommenden zehn Jahre. Vor allem in der Erziehung meiner Kinder lässt sie keinen Kommentar aus. Ein paar Mal im Jahr, zu Weihnachten, Ostern, den Geburtstagen erträgt man das. Omas sind wichtig. Wenn ich das nicht weiß, wer dann?
„Soll es doch verrecken, das Kind“

Mit 30 erwarte ich mein drittes Kind. Noch sechs Wochen bis zur Geburt. Ich stehe in der Küche. Meine Mutter ist zu Besuch. Es gibt Hasenbraten hatte ich am Telefon gesagt. Putenbraten hatte sie verstanden. „Hasenbraten“, sage ich. „Das ist zu fett. Da wär ich nicht gekommen“, sagt sie. Eine Bagatelle, aber mit ihr kommt alles hoch.

„Hier gibt’s Hasenbraten und wem das nicht passt, der kann gehen.“ „Soll es doch verrecken, das Kind“, schreit sie schließlich. Und geht. Danach: fast zehn Jahre Funkstille. Nur der Papa kommt, gelegentlich. Fragt: Wollt ihr euch nicht wieder vertragen? Nein. Manchmal sehe ich sie von weitem, beim Einkaufen, beim Gemeindefest. Ein Mensch, mit dem mich nichts mehr verbindet. Denke ich.

In den Dreißigern grüble ich viel. Ich habe einen Mann, Kinder, finanzielle Sicherheit, Freunde, denke mir oft: Was will ich eigentlich mehr? Ich weiß damals ja noch nicht, wie sich das anfühlt: wirklich mit sich im Reinen zu sein. Manchmal bin ich grundlos traurig, tags treibt mich eine merkwürdige Nervosität, nachts quälen mich Schlafprobleme. Ich habe kein schlechtes Leben. Aber so richtig glücklich bin ich auch nicht.
„Das Kind, dem du das Verrecken gewünscht hast, hat sein Zimmer für dich geräumt“, sage ich

Ich bin 39, als der Anruf einer Bekannten kommt. Meine Mutter sei schwer erkrankt, ob ich das nicht wisse. Ich fahre mit den Kindern ins Krankenhaus. Meine Älteste geht rein, „die Mama ist auch da, willst du sie sehen?“, höre ich sie sagen, dann kommt sie wieder raus, nickt.

Wenige Minuten später passiert es. Mamas Arme um meinen Hals. Und meine um ihren. Trotz der Fragezeichen. Ein paar Tage später, auf dem Weg zum Auto will sie mir was in die Hand drücken. Ich höre das Rascheln. Sage „ich will dein Geld nicht“. Aber was will ich dann?

Sie braucht Platz damals: Krankenbett, Sauerstoffgerät. „Das Kind, dem du das Verrecken gewünscht hast, hat sein Zimmer für dich geräumt“, sage ich. Genugtuung. Aber es fühlt sich nicht gut an, sie dann so zu sehen. Bitterlich weinend, wann immer ich zu ihr ans Bett trete. Ich kann nicht glauben, wie verletzlich und schwach sie ist.

Mit 39 höre ich auf zu hassen. Sie hat dich um deine Kindheit, einen Abschluss, um Perspektiven gebracht, sagen manche. Aber daran denke ich nicht, wenn ich sie wasche, ihr den Schleim absauge, sie aufs Klo trage. Mitleid? Abhängigkeit? Trifft es alles nicht. Eher ist es, als hätte mein Horizont sich geweitet. Vor allem, seitdem sie die Stimme verloren hat, nur noch „Ja“ und „Hallo“ sagen kann.

Schreiben scheint ihr leichter zu fallen als zu reden. „Ich kann nicht lieben“, stand auf einem ihrer zahlreichen Zettel. Und: „Ich weiß ja gar nicht, wie das geht.“ Obwohl ich die Hintergründe gekannt habe, das mit dem frühen Tod ihrer Eltern, der Pflegefamilie, verstehe ich erst jetzt: Es lag nicht an mir. Und damit fängt man an, anzunehmen. Vor allem: sich selbst.
Es waren die wichtigsten Monate meines Lebens

43 bin ich jetzt. Die sieben Monate vor vier Jahren waren die wichtigsten meines Lebens. Ich kann es noch genau erspüren. Ich an ihrer Bettkante, ich lese ihr vor, sie hält meine Hand, stundenlang. Von „guter Pflege“ sprechen die Ärzte. Unfassbare Fortschritte. Sie kann sogar wieder essen. Wir schieben sie noch mit dem Rollstuhl in eine Eisdiele. Einmal gehen wir in einen Freizeitpark. Giovanni trägt sie auf seinen Schultern.

Ein Bild, das ich nicht vergessen werde. Das Loslassen wird leicht dadurch. Trotz des immer stärkeren Zusammenrückens.

Zuletzt: meine Matratze neben ihrem Bett. Anders schläft sie nicht mehr. Den Zettel habe ich noch. „Morgen früh bin ich tot.“ Genauso war es. Mit einem Lächeln lag sie da. Nur 59 Jahre alt wurde sie. Aber da ist etwas Größeres als Trauer. Mit einem Lächeln gehe ich durchs Leben seitdem. Weil ich verziehen habe.

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